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Datenschutz predigen, Microsoft saufen

Wer bin ich? Die Philosophie ringt seit zweieinhalbtausend Jahren mit dieser Frage. Die Schweizer Schule hat sie still und leise ausgelagert – nach Redmond.

Denn wer sich morgens im Schulzimmer anmeldet, weist sich nicht gegenüber seiner Schule aus, sondern gegenüber Microsoft. Ohne Microsoft-Konto keine Aufgaben, keine Klasse, kein Chat mit der Lehrerin. Die digitale Existenz unserer Schülerinnen und Schüler im öffentlichen Bildungssystem hängt von einem amerikanischen Konzern ab. Das ist absolut normal und hier gibt es rein gar nichts zu sehen …

Oder vielleicht doch? Man muss sich das doch einmal nüchtern vor Augen führen: Ein Staat, der so stolz ist auf Föderalismus, Neutralität und Unabhängigkeit, dass er darüber Bücher schreibt und Volksabstimmungen führt, übergibt die Identität und Daten seiner Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Beamten einem einzigen ausländischen Anbieter. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit. Weil es alle so machen. Weil es schon installiert ist.

Dabei pochen Schule und Verwaltung auf Datenschutz wie kaum jemand sonst. Und dieselben Stellen legen die Daten ihrer Schülerinnen und Schüler in eine Cloud, auf die eine fremde Regierung per Gesetz zugreifen darf. Der amerikanische CLOUD Act verpflichtet US-Firmen, Daten auf behördliche Anordnung herauszugeben, egal, wo auf der Welt der Server steht.1 Microsofts Chefjurist in Frankreich hat 2025 unter Eid vor dem französischen Senat eingeräumt, dass er genau das nicht ausschliessen kann.2 Ganz zu schweigen davon, dass Microsoft die Schlüssel hält und damit technisch jederzeit Zugriff auf diese Daten hat.

Der Bund hat sich die Frage öffentlich gestellt. Die Bundeskanzlei hat ihre Rechtsgrundlagenanalyse zu Microsoft 365 publiziert.3 Das Risiko eines Datenabflusses stuft sie als «gering bis moderat» ein, besonders heikle Daten dürfen trotzdem nicht in die Cloud.4 Im November 2025 hielten die Schweizer Datenschutzbeauftragten fest, die Auslagerung sensibler Behördendaten in solche Clouds sei in den meisten Fällen unzulässig.5

Der Bund legt seine heiklen Daten also bewusst auf eigene Server statt in die Microsoft-Cloud.6 Schulen haben in der Regel keine eigenen Rechenzentren. Was dort in Teams oder OneDrive landet, liegt direkt bei Microsoft. Selbst der Zürcher Regierungsrat hält in seinem Entscheid für Microsoft 365 fest, welches Risiko sich nicht vermindern lässt: «Durch die Wahl von Microsoft als Anbieter begibt man sich grundsätzlich in eine Lieferantenabhängigkeit.»7

Microsoft verkauft vor allem eines: Einfachheit. Alles so bequem, dass niemand etwas verstehen muss – und oft auch, dass niemand etwas verstehen kann. Wer weiss denn schon, wie Teams funktioniert?

Kant nannte Aufklärung den «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit».8 Der Umgang an den Schulen mit Microsoft führt aber hinein, in die technische Unmündigkeit. Dem müssen wir entschieden entgegentreten.

Besonders peinlich ist das im Fach Informatik. Wir lehren Jugendliche, was ein Protokoll ist, wie das Internet dezentral funktioniert, sodass Geräte aller Art miteinander kommunizieren können und E-Mail von jedem Anbieter frei an jeden anderen gesendet werden kann. Wie wir in allen Naturwissenschaften zu vermitteln versuchen, wie wichtig es ist, die Welt zu verstehen!

Und dann zwingen wir sie auf eine Plattform, die genau das Gegenteil verkörpert: ein ummauerter Garten, in dem nur spricht, wer drinnen ist, und dessen Funktionsweise absichtlich unergründbar ist.

Dabei gäbe es Alternativen, und zwar keine exotischen. Offene Protokolle wie Matrix für Chat und Kanäle oder ActivityPub für Communitys funktionieren föderiert wie E-Mail: Wer will, betreibt einen Server, und alle Server können sich frei austauschen. Auch für Identität existieren seit Jahren offene Standards. Der Server ist billig, teuer ist der Betrieb. Aber dieses Geld bleibt hier und baut Know-how auf.

Ja, Bern ist mit seiner Open-Source-Schulinformatik gescheitert. Aber vor allem an zu wenig Personal und einer mangelhaften Projektorganisation, nicht an der Idee offener Software.9 Daraus zu schliessen, man solle Microsoft kaufen, ist, als würde man nach einem schlecht geführten Spital die Medizin abschaffen.

Word und Excel mögen gute Programme sein. Darum geht es nicht. Es geht um die Frage, wem die Infrastruktur gehört, auf der sich eine Gesellschaft bildet. Eine Demokratie, die ihre Schulen auf fremdem Boden baut, sollte sich nicht wundern, wenn eines Tages jemand anders die Hausordnung schreibt.

Was tun wir also?

Die gute Nachricht: Andere tun es schon, und zwar im grossen Stil:

  • In Frankreich chatten Staatsangestellte über Tchap, einen Messenger auf Basis von Matrix. Das gesamte Personal der Éducation nationale ist dort automatisch registriert, die Lehrerin meldet sich mit ihrer Schuladresse an.10
  • Die deutsche Bundeswehr kommuniziert seit 2020 über den BwMessenger, ebenfalls Matrix, auf eigenen Servern. Laut dem Softwareanbieter Element nutzen ihn über 100'000 Personen aktiv.11
  • Österreichs Bundesheer hat 16'000 Arbeitsplätze von Microsoft Office auf LibreOffice umgestellt, ausdrücklich wegen des Cloudzwangs.12
  • Schleswig-Holstein hat LibreOffice auf allen 25'000 Verwaltungsarbeitsplätzen installiert, Zehntausende Postfächer migriert und rechnet für 2026 mit 15 Millionen Euro Einsparungen.13
  • In der deutschen Bundesverwaltung sind über 8'000 openDesk-Arbeitsplätze produktiv im Einsatz, etwa am Robert Koch-Institut.14

Und die Schweiz? Der Bund testet eine Alternative: Bis Ende 2027 sollen rund 3'000 Mitarbeitende auf openDesk arbeiten, mit Element (Matrix) für den Chat, Jitsi für Videokonferenzen, Open-Xchange für Mail und Nextcloud für Dateien. Der Vortest mit 172 Mitarbeitenden fiel grundsätzlich positiv aus.15

Auch bei der Identität gibt es eine Schweizer Antwort, sie ist nur kaum bekannt: Edulog. Die Kantone haben damit ein föderiertes Login fürs Bildungswesen geschaffen. Die Schule verwaltet die Konten, Schülerinnen und Lehrpersonen melden sich mit einem Pseudonym bei Lehrmitteln und Lernplattformen an. Genaue Zahlen veröffentlicht Edulog nicht. Im Oktober 2024 hiess es, Identitätsanbieter aus einer «deutlichen Mehrheit der Kantone» seien beigetreten. Die EDK hat den Betrieb bis 2028 verlängert.16 Noch hängt hinter Edulog oft ein Microsoft-Konto. Aber die Architektur stimmt: Wer die Identität föderiert, kann den Anbieter dahinter wechseln, ohne dass die Schülerinnen und Schüler es merken.

Die Bausteine liegen also eigentlich bereit. Offene Protokolle, offene Logins, Vorbilder in Nachbarländern und ein Bund, der sich die Frage ernsthaft stellt. Es fehlt nicht an Technik, sondern an etwas Vision und Mut. Die können wir, anders als Lizenzen, nicht bei Microsoft kaufen.

Ich selbst überlege mir, hier bei Eduskript einen Matrix-Server aufzusetzen.

Fussnoten

  1. Quelle: Stiftung Datenschutz: US-Cloud-Act – Microsoft kann Zugriff durch US-Behörden nicht ausschliessen ↩

  2. Quelle: Datenschutzbeauftragter Hamburg: EU-Boundary nichts wert? Microsoft kann US-Zugriff auf EU-Cloud nicht verhindern ↩

  3. Quelle: Bundeskanzlei: Rechtsgrundlagenanalyse Microsoft 365 (CEBA) ↩

  4. Quelle: 20 Minuten, 21. August 2025: Microsoft 365 – Bund erachtet Gefahr für Staatsgeheimnisse als moderat ↩

  5. Quelle: privatim, 24. November 2025: Resolution zur Auslagerung von Datenbearbeitungen in die Cloud (PDF) ↩

  6. Quelle: Bundeskanzlei: CEBA – Rechtliche Grundlagen, Version 2.1, S. 11–12 (PDF): «Auf der M365 Cloud der Bundesverwaltung werden nur Daten bis Schutzniveau INTERN bearbeitet. Für höher klassifizierte Daten und besonders schützenswerte Personendaten werden wie heute On-Premises Datenspeicher benutzt.» ↩

  7. Quelle: Regierungsrat des Kantons Zürich, Beschluss Nr. 542/2022 vom 30. März 2022: Einsatz von Cloud-Lösungen in der kantonalen Verwaltung (Microsoft 365), Zulassung, S. 9. ↩

  8. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784. ↩

  9. Quelle: Hauptstadt, 15. März 2022: Base4Selbstkritik – der Untersuchungsbericht zu base4kids ↩

  10. Quelle: DRANE Martinique: Utiliser la messagerie Tchap und Element: Tchap-Fallstudie ↩

  11. Quelle: Element: Fallstudie BwMessenger der Bundeswehr (Angabe des Anbieters) und BWI: «Matrix» ist einheitlicher Messenger-Standard für die Bundeswehr ↩

  12. Quelle: inside-it.ch, 23. September 2025: Österreichische Armee mustert Microsoft Office aus ↩

  13. Quelle: heise online: Goodbye, Microsoft – Schleswig-Holstein relies on Open Source and saves millions ↩

  14. Quelle: Deutscher Bundestag, hib: 8'475 openDesk-Lizenzen im Produktivbetrieb ↩

  15. Quelle: IT-Markt, 3. September 2026: Bund testet Open-Source-Alternative zu Microsoft 365 ↩

  16. Quelle: Edulog, 29. Oktober 2024: Die Kantone legen die Leitlinien für Edulog bis 2028 fest und Edulog in Kürze ↩