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Grenzwerte & Folgen

Warum es Grenzwerte überhaupt braucht

Manche der wichtigsten Fragen der Mathematik betreffen Stellen, die man nicht direkt einsetzen kann. Wie schnell fährt ein Auto in genau diesem Augenblick — nicht im Durchschnitt über eine Sekunde, sondern jetzt? Was macht sinxx\frac{\sin x}{x} bei x=0x = 0, wo doch 00\frac{0}{0} herauskommt? Wohin läuft eine Funktion «ganz weit draussen»?

In all diesen Fällen ist der Punkt selbst unerreichbar oder verboten. Der Grenzwert ist der Ausweg: Statt zu fragen «welchen Wert hat es dort?» fragen wir «welchem Wert kommt es beliebig nahe, wenn ich mich nähere?». Dieses Umformulieren macht das Unerreichbare berechenbar — und trägt die ganze Analysis: die Ableitung ist ein Grenzwert (siehe [[Ableitung]]), das Integral auch.

Folgen und ihr Grenzwert

Eine Folge ist eine durchnummerierte Liste a1,a2,a3,a_1, a_2, a_3, \dots. Schau dir an, was mit wachsendem nn geschieht:

  • an=1na_n = \frac{1}{n}: 1,12,13,1, \tfrac12, \tfrac13, \dotswarum geht das gegen 00? Weil du dieselbe 11 in immer mehr Stücke teilst; jedes einzelne Stück wird beliebig winzig, ohne je negativ zu werden. Es gibt keine positive Schranke, die die Folge auf Dauer nicht unterschreitet — genau das meint «Grenzwert 00».
  • an=nn+1a_n = \frac{n}{n+1}: 12,23,34,1\tfrac12, \tfrac23, \tfrac34, \dots \to 1 — der Unterschied zu 11 ist 1n+1\frac{1}{n+1}, und der schrumpft aus demselben Grund gegen null.
  • an=(1)na_n = (-1)^n: 1,1,1,-1, 1, -1, \dots — springt für immer hin und her. Es gibt keinen einzelnen Wert, dem sich die Folge nähert, also kein Grenzwert (sie divergiert).

Wir schreiben limnan=g\displaystyle\lim_{n \to \infty} a_n = g.

Der Trick bei Brüchen — und warum er funktioniert. Bei \frac{\infty}{\infty} scheint alles unendlich. Aber nicht jeder Unendlich ist gleich schnell: für grosse nn dominiert der Term mit der höchsten Potenz, der Rest ist dagegen Staub. Teilt man Zähler und Nenner durch diese höchste Potenz, macht man genau das sichtbar — alle kleineren Terme tragen ein 1n\frac{1}{n} und verschwinden:

limn3n2+2nn21=limn3+2n11n2=3+010=3\lim_{n \to \infty} \frac{3n^2 + 2n}{n^2 - 1} = \lim_{n \to \infty} \frac{3 + \frac{2}{n}}{1 - \frac{1}{n^2}} = \frac{3 + 0}{1 - 0} = 3

Man teilt also nicht «aus einem Rezept», sondern weil dadurch übrig bleibt, was wirklich zählt: das Verhältnis der schnellsten Terme, hier 3n2n2=3\frac{3n^2}{n^2} = 3.

Grenzwert einer Funktion

Dasselbe für xax \to a. Und hier zeigt sich, warum 00\frac{0}{0} kein Endergebnis ist: Die Formel wird an dieser einen Stelle blind (Zähler und Nenner verschwinden gleichzeitig), aber die Funktion selbst läuft rundherum ungestört weiter — sie steuert auf einen Wert zu. Faktorisieren hebt den Schleier, indem es den gemeinsamen Faktor herauskürzt, der die Null verursacht hat:

limx2x24x2=limx2(x2)(x+2)x2=limx2(x+2)=4\lim_{x \to 2} \frac{x^2 - 4}{x - 2} = \lim_{x \to 2} \frac{(x-2)(x+2)}{x - 2} = \lim_{x \to 2} (x + 2) = 4

Bei x=2x = 2 hat die ursprüngliche Funktion ein Loch — aber links und rechts davon nähert sie sich unübersehbar der 44. Der Grenzwert liest genau diesen Wert ab, den das Loch verdeckt.

Warum die Zahl ee hier auftaucht

Erinnere dich an den Zinseszins ([[Exponentialfunktionen]]): 100 % Zins pro Jahr machen aus 11 am Jahresende 22. Was, wenn man die 100 % nicht einmal, sondern häufiger gutschreibt — halbjährlich je 50 %, monatlich je 10012\frac{100}{12} %, täglich, sekündlich? Jeder Zwischenschritt verzinst auch die schon gutgeschriebenen Zinsen, also wird es mehr als 22. Aber unendlich viel? Nein — es strebt gegen eine feste Grenze:

e=limn(1+1n)n2.718e = \lim_{n \to \infty} \left(1 + \frac{1}{n}\right)^{n} \approx 2.718

Das erklärt den scheinbaren Widerspruch: Die Basis 1+1n1 + \frac1n zieht gegen 11 (würde allein 11 ergeben), der Exponent nn zieht gegen \infty (würde allein explodieren). Diese beiden Kräfte halten sich die Waage — und das Gleichgewicht ist genau ee. ee ist also nichts Willkürliches, sondern das Ergebnis von stetigem, ununterbrochenem Wachstum:

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import numpy as np
import matplotlib.pyplot as plt

n = np.arange(1, 100)
plt.plot(n, (1 + 1/n)**n, 'o', ms=3, label='(1 + 1/n)^n')
plt.axhline(np.e, color='C1', ls='--', label='e ≈ 2.718')
plt.legend(); plt.grid(True, alpha=0.3)
plt.title('Immer häufiger verzinsen: die Folge strebt gegen e')
plt.show()

Übung 1

a)   limn5n23n2n2+1\;\displaystyle\lim_{n \to \infty} \frac{5n^2 - 3n}{2n^2 + 1} — und begründe in einem Satz, warum die kleineren Terme keine Rolle spielen.

b)   limx3x29x3\;\displaystyle\lim_{x \to 3} \frac{x^2 - 9}{x - 3}

c)   limn2n+1n2+n\;\displaystyle\lim_{n \to \infty} \frac{2n + 1}{n^2 + n}

d) Warum liefert (1+1n)n\left(1 + \frac{1}{n}\right)^{n} für grosse nn nicht einfach 11?

…or paste a screenshot
Das nimmst du mit
  • Ein Grenzwert beschreibt Verhalten an unerreichbaren Stellen (Unendlich, ein Loch).
  • \frac{\infty}{\infty}: der schnellste Term dominiert — durch ihn teilen macht das sichtbar.
  • 00\frac{0}{0} ist kein «keine Lösung», sondern ein verdeckter Wert — kürzen legt ihn frei.
  • ee ist die Grenze von immer häufigerem Verzinsen: stetiges Wachstum.