Wie Konflikte eskalieren
Die Mittel der Macht/Drohung vorhersagen
Was wir nun unternehmen, lässt sich als Aktualisierung von Morgenthaus Sicht auf die menschliche Natur verstehen. Sie beruht auf der Erkenntnis der Konfliktforschung, dass das Spannungsniveau zwischen Parteien im Voraus erkennen lässt, welche Drohmittel sie wahrscheinlich einsetzen werden, falls sie sich entscheiden, einander zu drohen. Ich werde argumentieren, dass Versuche, Macht anzuwenden, üblicherweise eine Drohung mit Konflikteskalation auf das nächsthöhere Spannungsniveau sind.
Deshalb ist es einer Freundschaft so gänzlich unangemessen, Macht anwenden zu wollen – man droht seinen Freunden im Grunde mit Konflikteskalation. Ebenso ist es belanglos, einem Feind mit einem bösen Brief zu drohen – die Beziehung ist längst über diesen Punkt hinaus. Welche Mittel ich vernünftigerweise einsetzen werde, um dich zu kontrollieren, hängt davon ab, ob du mein Freund, mein Rivale oder mein Feind bist. Für jede einzelne Handlung können wir fragen: Ist diese Handlung angesichts der aktuellen Beziehung und ihres Spannungsniveaus eskalierend, deeskalierend, oder bestätigt sie den Status quo?
Auf dieselbe Weise bestimmen wir auch, wie extrem eine Handlung ist. Hätte der französische Präsident Emmanuel Macron Angela Merkel, als sie noch deutsche Bundeskanzlerin war, eine Glace gekauft, wäre das eine freundliche Geste gewesen, die ihre Freundschaft bestätigt. Bei Olaf Scholz als Kanzler wäre es angesichts des kühleren Verhältnisses vielleicht etwas unbeholfen, aber im Grunde immer noch eine Bestätigung der Freundschaft. Man stelle sich nun aber vor, Wladimir Putin würde Wolodymyr Selenskyj «als Geste des guten Willens» eine Glace anbieten – das wäre im höchsten Mass befremdlich, und Selenskyj würde sie ganz zu Recht auf Gift untersuchen lassen.
Die Logik der Interaktion wird durch die Beziehung und ihr Spannungsniveau bestimmt. Kleine Details, die unter entspannten Freunden belanglos sind, können zwischen angespannten Feinden zu sehr wichtigen Statussymbolen werden – wie damals, als Yassir Arafat und Ehud Barak in Camp David nicht entscheiden konnten, wer zuerst durch die Tür geht.

In Konfliktforschung und Sozialpsychologie wurde viel über das Wesen von Konflikteskalation und -deeskalation geforscht – ein Feld, das politische Analytiker meines Erachtens anzapfen sollten. Wie Spannungen eskalieren und Freunde zu Feinden werden, ist tatsächlich recht gut verstanden, vorhersehbar und in beträchtlichem Detail bekannt. Ich gebe nun einen ziemlich ausführlichen Überblick.
Grundlogik der Konflikteskalation
Diese Darstellung stützt sich auf ein verbreitetes Modell der Konflikteskalation aus der deutschsprachigen Konfliktforschung – Friedrich Glasls Konfliktmanagement.1 Er schlägt ein detailliertes Neun-Stufen-Modell der Konfliktdegeneration (oder -eskalation) vor, in dem die Beziehung zweier oder mehrerer Parteien langsam zerfällt: von einer leichten Verhärtung der Standpunkte bis zum totalen Krieg gegenseitiger Auslöschung.
Auf jeder Stufe der Leiter wissen die Parteien intuitiv, welches Verhalten angemessen ist und was ein Tabu darstellt. Weil Konflikte für uns Menschen aber sehr frustrierende Situationen sind, neigt jede Partei auf jeder Stufe dazu, die quälende Mehrdeutigkeit der Situation auflösen zu wollen. Und ein Weg, den wir Menschen dafür ironischerweise wählen, ist, die Tabuschwelle zur nächsten Stufe zu überschreiten! Wir erleben das oft als klärenden Moment, in dem wir endlich sagen: «Jetzt reicht's!»
«Das Überschreiten von Points of no Return [Tabuschwellen] bedeutet also, dass man eine intensivere Konfliktstufe erreicht hat. Diese neue Stufe hat ihre eigenen Normen, ihr eigenes Regime und ihre eigenen Regeln. Aber sie ist wiederum durch eine neue Schwelle klar begrenzt. Und gerade diese Schwelle gibt den Parteien – trotz gesteigerter Gewaltanwendung – neue Sicherheiten! Die Gewalt wird nicht mit einem Schlag grenzenlos, sondern wird erneut eingehegt. … Die Erwartungen bleiben – wie Thomas Schelling sagt – koordiniert.»2
Anhand dieser klar unterscheidbaren Eskalationsstufen können wir ableiten, welche Machtmittel auf jeder Stufe zu erwarten sind. Wie wir sehen werden, liefert diese Perspektive reiche Einsichten in das Wesen der Macht und stellt zahlreiche empirische Hypothesen auf, die sich vorzüglich falsifizieren lassen.
Es gibt keinen universellen Naturzustand
Für unsere Zwecke genügt es, die neun Stufen von Glasls Treppe (Glasl selbst folgend) in drei Sphären zusammenzufassen:
- Auf den Stufen eins bis drei ist die Wahrnehmung der Parteien noch sachorientiert und sie teilen eine Win-win-Mentalität: Sie sind Freunde.
- Auf den Stufen vier bis sechs ist ihre Wahrnehmung personenorientiert und sie haben eine Win-lose-Mentalität: Sie sind Rivalen.
- Und auf den Stufen sieben bis neun ist ihre Wahrnehmung zerstörungsorientiert und sie haben eine Lose-lose-Mentalität: Sie sind Feinde.
Diese drei Sphären entsprechen grob dem, was Alexander Wendt in seiner Social Theory of International Politics aus Martin Wights «drei Kulturen der Anarchie» herausgelesen hat – kantianisch, lockeanisch und hobbesianisch. «Im Kern jeder Art von Anarchie steht nur eine Subjektposition: In hobbesianischen Kulturen ist es ‹Feind›, in lockeanischen ‹Rivale› und in kantianischen ‹Freund›.» (eigene Übersetzung)3 Glasls Werk ist aber, wie wir sehen werden, viel besser in der Forschung verankert und fügt beträchtliche Tiefe und Detail hinzu. Und vor allem: Es erklärt die Dynamik des Wandels.
Die folgende kurze Skizze zeichnet zur Veranschaulichung das Bild einer idealtypischen Konfliktdegeneration ohne jede konfliktlösende Kraft. Nichts daran legt nahe, dass der «normale» Zustand menschlicher Angelegenheiten konfliktfrei oder friedlich wäre oder dass menschliche Gesellschaften teleologisch zur Kooperation tendierten.4 Ich stimme vielmehr Glasl zu: Während Konflikteskalation zu einem grossen Teil von primitiven, teils unbewussten Trieben angetrieben wird, ist Konfliktdeeskalation üblicherweise eine bewusste, mühsame und rationale Anstrengung.5 Es gibt schlicht keinen Naturzustand; wir besitzen die Fähigkeit zu Kooperation, Rivalität oder Gewalt.
Fussnoten
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Glasl, Friedrich. Konfliktmanagement : Ein Handbuch Für Führungskräfte, Beraterinnen Und Berater. Bern: Haupt Verlag, 2010. ↩
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Glasl 2010, 230. ↩
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Wendt, Alexander. Social Theory of International Politics. Cambridge: Cambridge University Press, 1999. 258. Allgemeiner Kap. 6. ↩
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Tatsächlich fällt es mir nach der Lektüre einiger Werke von Steven Pinker ziemlich schwer, eine solche Sicht zu vertreten. Insbesondere Pinker, Steven. The Better Angels of Our Nature: A History of Violence and Humanity. London: Penguin, 2012. Ausserdem Pinker, Steven. The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature. New York: Penguin, 2003. ↩
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Glasl 2010, 197–8. Man denke auch an Nelson Mandela: «Dass wir mit dem Feind redeten, war das Ergebnis der Herrschaft des Verstands über die Emotion.» (eigene Übersetzung) Nelson Mandela: ‘We Made the Brain Dominate the Blood’ – Oprah Winfrey Network 2013. ↩