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Macht neu verstanden

Ich habe zuvor gesagt: Nicht institutionalisierte Macht ist eine erfolgreiche Drohung mit Mitteln höherer Spannungsniveaus. Jetzt haben wir eine ziemlich solide Vorstellung davon, was das bedeutet, und können versuchen, im Voraus abzuschätzen, welche Macht- und Drohmittel Parteien einsetzen werden, um jemanden zu kontrollieren – jene Im-Nachhinein-Definition von Macht, die wir in der Politikwissenschaft üblicherweise verwenden.

Angenommen, die Spannungen sind bereits auf Stufe vier, wo sich die Parteien in erster Linie um Image und Ehre sorgen. Wollte in diesem Kontext jemand Macht gegen jemand anderen anwenden, wäre das zusätzliche Macht- oder Drohmittel, das er jetzt am wahrscheinlichsten einsetzen würde, die Drohung, schmutzige Geheimnisse über den Rivalen preiszugeben, um dessen Gesichtsverlust herbeizuführen. Und zwar bei fortgesetzter Anwendung aller bisher schon eingesetzten Macht- und Drohmittel.

Diese Sicht auf Macht allein liefert uns meines Erachtens bereits ein klares Forschungsprogramm für die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Internationalen Beziehungen im Besonderen. Wir sollten untersuchen und katalogisieren, welche spezifischen Macht- und Drohmittel Parteien (in den Internationalen Beziehungen meist Staaten) auf welchen Spannungsniveaus typischerweise einsetzen. Ein solcher Katalog würde uns zusätzlich Daten für Netzwerkanalysen liefern: Wenn die Akteure A und B einen eskalierenden Konflikt haben – wann und wie ziehen sie Akteur C hinein? (Meine Vermutung: ab Stufe fünf.) Wie beeinflussen die Spannungsniveaus zwischen A und C oder B und C das? Während Kenneth Waltz' grober Begriff der materiellen Fähigkeiten nicht zu Wissensakkumulation geführt hat (und sie meiner Meinung nach regelrecht verhindert hat), könnte dies ein realistischeres Rückgrat für die Forschung bieten.

Es gibt wenig Grund, solche Forschung auf die Politikwissenschaft zu beschränken: Wir haben gesehen, dass die wichtigsten Einsichten dieses Teils gar nicht aus unserem eigenen Fach stammen, sondern aus Konfliktforschung und Psychologie. Zwar berührt das Fundament dieser Theorie bereits viele Aspekte der Politikwissenschaft, doch besteht es selbst noch grösstenteils aus Aussagen über die menschliche Psychologie. Bislang ist es wirklich nur eine Aktualisierung von Morgenthaus Sicht auf die menschliche Natur.

Ich berufe mich auf die «menschliche Natur» nicht, um dem Menschen unzulässig und dogmatisch einen Wettbewerbstrieb zuzuschreiben und damit Politik zu erklären (eine sehr verbreitete Fehldeutung Morgenthaus). Es gibt im Menschen keinen universellen, proaktiven Trieb zu Wettbewerb oder Gewalt. Es gibt im Menschen ein universelles Potenzial zu Wettbewerb und Gewalt, das sich provozieren lässt – entlang der oben beschriebenen Stufen.

Institutionen und diese Auffassung der Macht

Der Teil über institutionalisierte Macht (Herrschaft, Institutionen, Verträge) ist noch nicht geschrieben.