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Was ist Politik, was ist Macht?

Zusammenfassung

Dieser Essay schlägt eine praktische Theorie der Macht vor, insbesondere für die internationalen Beziehungen.1 Die Grundgedanken:

  • Welche Form Politik annimmt, wird in erster Linie vom Spannungsniveau zwischen den beteiligten Staaten bestimmt – Freunde kooperieren, Rivalen konkurrieren, Feinde kämpfen.2
  • Diese Spannungsniveaus bestimmen die Mittel der Macht/Drohung, die Staaten einsetzen, und die Logik ihrer Interaktion. Befreundete Nachbarn können einander nicht militärisch drohen und dabei Freunde bleiben; umgekehrt sind militärische Feinde über Handelsstreitigkeiten und Sanktionen längst hinaus.
  • Die Eskalation der Spannungsniveaus verläuft in vorhersehbaren, konkreten Schritten und ist recht gut erforscht. Ich illustriere und konzeptualisiere sie anhand von Friedrich Glasls Neun-Stufen-Modell der Konflikteskalation.
  • In nicht institutionalisierten Interaktionen ist Macht eine Art erfolgreiche Drohung. Erfolglose Machtanwendungen – erfolglose Drohungen – sind der Hauptweg, auf dem Konflikte eskalieren.
  • Institutionen und Verträge sind darauf ausgelegt, einem bestimmten maximalen Spannungsniveau standzuhalten. Eskalieren die Spannungen über ihre Streitschlichtungsmechanismen hinaus, geraten diese Strukturen ins Wanken oder brechen zusammen.

Ich halte die hier dargelegte Theorie in mehrfacher Hinsicht für den gängigen Theorien überlegen:

  • Sie ist treffender (und überhaupt erst empirisch falsifizierbar).
  • Sie ist nützlich für Praktiker, die einen tragfähigen Analyserahmen brauchen.
  • Sie führt Forschende zu besseren Forschungsfragen.

Was ist Politik?

Als Ausgangspunkt lässt sich Andrew Heywoods einführender Definition schwerlich widersprechen: Politik ist «die Tätigkeit, durch die Menschen die allgemeinen Regeln, unter denen sie leben, aufstellen, bewahren und ändern» (eigene Übersetzung).3 Ich verwende «Politik» und «die allgemeinen Regeln aufstellen» als Kurzformeln für diesen Gedanken.

Heywoods Einführung unterscheidet anschliessend vier Kategorien von Definitionen: Politik verstanden als (1) Kunst des Regierens (man denke an Bismarck, Machiavelli, Easton und wohl auch Clausewitz) und Politik als (2) öffentliche Angelegenheiten (Aristoteles, Mill, Rousseau, Arendt, die liberale Tradition im Allgemeinen); Politik als (3) Kompromiss und Konsens (Habermas, Crick) und Politik als (4) Macht und Verteilung von Ressourcen (Leftwich, Lasswell, der Realismus, oft auch Feminismus und Marxismus).

Politik ohne Staat?

Die ersten beiden Kategorien unterscheiden sich hauptsächlich in der Frage, ob Politik auch dort stattfindet, wo der Staat nicht beteiligt ist. Politik als Kunst des Regierens zu definieren, ist eine institutionelle Definition. Sie ähnelt Clausewitz' Bestimmung des Kriegswesens als alles, was die Streitkräfte betrifft – ihre Erschaffung, Erhaltung und ihren Gebrauch.4 Sind also Arbeitsbeziehungen, Geschlechterverhältnisse, religiöse Pflichten oder Schönheitsnormen «politisch», auch wenn der Staat nicht beteiligt ist? Können irreguläre Guerillakräfte Krieg führen?

Ich finde nicht, dass diese Frage für alle Gesellschaften der Geschichte vorentschieden werden sollte. Extrapolieren wir stattdessen aus Heywoods Ausgangsdefinition: Ob Politik das ist, was den Staat betrifft, hängt davon ab, ob Staaten tatsächlich die Institutionen sind, die für ein bestimmtes Thema an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit die «allgemeinen Regeln» setzen. Sind es andere Institutionen (etwa der Arbeitsplatz, religiöse Institutionen, Clanstrukturen, internationale Organisationen und so weiter), dann ist auch der Prozess, in dem diese allgemeinen Regeln gesetzt werden, politisch – und unsere Theorie sollte auch dafür Erkenntnisse liefern.

Politik ohne Macht?

Heywoods letzte beiden Gruppen sind sich vor allem darüber uneinig, ob Politik auch dann stattfindet, wenn niemand jemandem seinen Willen aufzwingt. Wenn sich alle freiwillig auf eine vernünftige allgemeine Regel einigen – ist das noch Politik?

Wie wir sehen werden, ist Macht oft eine Schlüsselzutat der Politik. Und es stimmt auch, dass Machtanwendung mit freundschaftlichen Beziehungen unvereinbar ist. Politik aber deshalb als das zu definieren, was Macht und Rivalität beinhaltet, heisst faktisch anzunehmen, dass das kooperative Setzen allgemeiner Regeln – wie es tagtäglich in Haushalten, Parlamenten, Schulen und Betrieben rund um den Globus geschieht – menschenunmöglich oder zu langweilig sei, um darüber nachzudenken. Dass sich solche allgemeinen Regeln ohne Machtkämpfe setzen lassen, ist offensichtlich. Oder mit Sir Bernard Crick: «Warum … einen Kampf um Macht ‹Politik› nennen, wenn es schlicht ein Kampf um Macht ist?» (eigene Übersetzung)5

Was ist Macht?

In der Politikwissenschaft wird Macht oft so definiert: A hat Macht über B, wenn A B dazu bringen kann, zu tun, was A will.6 Hans J. Morgenthau führte aus: «Macht kann alles umfassen, was die Macht von Menschen über Menschen begründet und aufrechterhält. Macht umfasst somit alle sozialen Beziehungen, die diesem Zweck dienen – von physischer Gewalt bis zu den subtilsten psychologischen Bindungen, durch die ein Geist einen anderen kontrolliert.» (eigene Übersetzung)7

Die Schwäche dieser Definition ist, dass sie ausschliesslich bilateral ist. Max Webers Terminologie umgeht diese Beschränkung, und deshalb verwende ich seine Definition der Macht: «Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.»8 Das deckt bilaterale Machtanwendungen ab, aber auch den Fall, dass jemand seinen Willen gegenüber einem Kollektiv durchsetzt (etwa ein Herrscher gegenüber einer Bevölkerung), oder dass zwei Kollektive um die Vorherrschaft kämpfen (etwa zwei Nationen im Krieg).

Macht: rückwärts oder vorwärts in der Zeit betrachtet

Eine interessante Eigenschaft dieser Definition ist, dass man erst sagen kann, ob A Macht hat, nachdem A diese Macht erfolgreich angewendet hat. Auf die internationalen Beziehungen übertragen: Die Definition ist völlig agnostisch darüber, was einen Staat mächtig macht. Sie definiert den Effekt, den man sieht, wenn man auf seine Interaktionen zurückblickt. Die Mittel, mit denen A zu dieser Macht kam, sind nicht Teil der Definition. Tatsächlich ist selbst im Rückblick nicht immer klar, was die anderen zum Nachgeben bewogen hat. Die Machtmittel, die das bewirkt haben, sind nicht vordefiniert – wenn überhaupt, zeigen sie sich erst im Nachhinein.

Ein einfaches Beispiel: Meine Kampfsportkünste verleihen mir an sich noch keine Macht über dich. Erst wenn ich sie erfolgreich eingesetzt habe, um dich mit einer Drohung dazu zu bringen, mir deine Glace zu geben, können wir allenfalls sagen, dass sie mir Macht über dich verliehen haben. (Ich habe keine Kampfsportkünste. Keine Sorge.) Vorab zu wissen, ob du dich der Drohung beugen wirst, ist irgendwo zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt. Der Grund: Du bist es, der sich entscheidet, nachzugeben oder nicht. Im Moment unmittelbar nach meiner Drohung ist es deine Reaktion, die mir Macht verleiht, nicht meine. Vielleicht bist du also Judomeister und zuversichtlich, meiner Drohung mühelos begegnen zu können. Aber selbst dann, mit objektiv überlegenen Machtmitteln, gibst du vielleicht trotzdem nach, weil sich der Ärger für eine Glace schlicht nicht lohnt. Die Machtmittel, die einen Staat in allen Situationen mächtig machen, vorab festzulegen, halte ich für aussichtslos; es führt zu Dogmatismus.

Und wenn du dich entscheidest, nicht nachzugeben, und Gewalt ausbricht? Nun, wie Morgenthau (und viele, viele andere) wusste: «Wird Gewalt zur Tatsache, bedeutet das die Abdankung politischer Macht zugunsten militärischer oder pseudomilitärischer Macht.» (eigene Übersetzung)7 Bedenkt man, dass ich im Grunde versuche, dein Verhalten mit einer Gewaltandrohung zu steuern, wird sofort klar: Wenn ich meine Drohmittel tatsächlich einsetzen muss, zeigt das, dass ich eben doch keine Macht über dich habe. Klar, am Ende gewinne ich vielleicht den Kampf und bekomme deine Glace – aber ich habe dich nicht dazu gebracht, zu tun, was ich wollte.

Wenden wir das auf ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit an: Im Sommer 2024 befanden sich Israel und die Hisbollah in einer zwei Jahrzehnte alten Pattsituation. Hätte man auf die militärischen Fähigkeiten der Hisbollah geschaut, hätte man schliessen können, dass sie eine israelische Invasion des Südlibanons unerschwinglich teuer machen kann. Keine Definition von Macht, die die Machtmittel vordefiniert, hätte geholfen vorherzusehen, dass Israel Pager und Funkgeräte mit Sprengstoff präparieren würde, um Hisbollah-Angehörige und Zivilisten zu töten und zu verletzen. Hätte irgendjemand Pager und Funkgeräte als Machtmittel gezählt? Ich denke nicht. Aber in einem Machtkampf versuchen die Beteiligten ständig, einander zu überlisten (in der Logik ihrer bereits degenerierten Interaktion).

Der Grundgedanke bleibt: Welche Machtmittel relevant sind, zeigt sich erst im Rückblick auf die Machtanwendung. Macht anzuwenden ist immer ein Stück weit ein Glücksspiel. Das Interessante, was eine Theorie der Macht leisten sollte, ist der Versuch, die Droh- und Machtmittel, die Staaten aufbieten werden, im Voraus vorherzusagen – aber ohne dogmatische Annahmen. Und genau das versucht diese Theorie.

Was diese Theorie ist und was nicht

Wiederholte und institutionalisierte Interaktionen verringern die oben beschriebene Unsicherheit, indem sie potenziell Macht in Herrschaft im Sinne Webers verwandeln. Dieser Übergang findet statt, wenn Macht nicht nur zur Routine wird, sondern auch im Legitimitätsglauben der Beherrschten gründet – im Glauben, dass die Macht der Herrschenden legitim ist. Macht trifft so auf die Kooperation der Beherrschten in Form von Gehorsam, was die Macht stabilisiert und Herrschaft begründet.9 Jean-Jacques Rousseau hat denselben Gedanken deutlich schöner ausgedrückt:

«Der Stärkste ist niemals stark genug, um immer Herr zu bleiben, wenn er nicht Macht in Recht und Gehorsam in Pflicht verwandelt.»

Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag (Du Contrat Social), Buch I, Kapitel 3

(Französisches Original: «Le plus fort n'est jamais assez fort pour être toujours le maître, s'il ne transforme la force en droit et l'obéissance en devoir.»)

Und so wächst mit der Institutionalisierung von Interaktionen eine immer dickere Schicht von Störvariablen: Mächtige Institutionen können aus dem blossen Bedürfnis nach funktionaler Kooperation entstehen (z.B. Handelsregime); die Kontrolle über diese Institutionen kann auf anderem Weg als durch Macht erlangt werden und ihrem Inhaber dennoch beträchtliche Macht- und Drohmittel verschaffen (z.B. Bürokratien, wohl auch die Demokratie); die Geschichte kann ehemals mächtigen Nationen durch Pfadabhängigkeiten Vorteile verschaffen (z.B. koloniales Erbe).

Unterscheiden wir also zwei idealtypische Pole sozialer Interaktion: nicht institutionalisiert und institutionalisiert.

  • Am einen Extrem sind nicht institutionalisierte Interaktionen episodisch, ad hoc und ohne stabilisierende Institutionen.
  • Am anderen Extrem sind institutionalisierte Interaktionen in Regeln, Rollen und Routinen eingebettet; Macht wird dort durch Legitimität, Wiederholung und geteilte Erwartungen vermittelt.

Im Folgenden konzentrieren wir uns zuerst auf nicht institutionalisierte Interaktionen, um die allzu menschlichen Wurzeln vieler Machtkämpfe in unserer Psychologie zu isolieren. Indem wir die Effekte der Institutionalisierung zunächst ausblenden, können wir untersuchen, wie Macht in ihrer rohen und unsichersten Form funktioniert.

Fussnoten

  1. Teile davon habe ich zuerst für meine Bachelorarbeit an der University of Bradford (2013) und meine Masterarbeit am IBEI in Spanien (2014) entwickelt.

  2. Akademikerinnen und Akademiker werden Alexander Wendts «Kulturen der Anarchie» wiedererkennen. Die Darstellung hier geht aber über Wendt hinaus. Wendt, Alexander. Social Theory of International Politics. Cambridge: Cambridge University Press, 1999.

  3. Heywood, Andrew. Politics. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2007. 4.

  4. Clausewitz, Carl Philipp Gottlieb von. Vom Kriege. Edited by J. Schulze. 1 edition. Null Papier Gratis, 1832. chap. 2.

  5. Crick, Bernard. In Defence of Politics. New Ed edition. London: Continuum, 2005. p. 5.

  6. Dahl wird (zu Unrecht) oft die ursprüngliche vollständige Formulierung zugeschrieben, Dahl, Robert A. ‘The Concept of Power’. Behavioral Science 2, no. 3 (1957): 201–15. https://doi.org/10.1002/bs.3830020303. Für Alternativen und eine umfassende Taxonomie der Machtdefinitionen in den Internationalen Beziehungen siehe Barnett, Michael, and Raymond Duvall. ‘Power in Global Governance’. In Power in Global Governance, edited by Michael Barnett and Raymond Duvall, 98:1–32. Cambridge University Press, 2004. Einflussreiche Studien politischer Macht, die mit dieser Definition arbeiten, sind z.B. Dahl, Robert A. Who Governs?: Democracy And Power In An American City. Yale University Press, 2005; Lindblom, Charles Edward. Politics and Markets: The World’s Political Economic Systems. Basic Books, 1977.

  7. Morgenthau, Hans Joachim. Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace. Edited by Kenneth W. Thompson. Knopf, 1985. 2

  8. Weber, Max. Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie. 1985, S. 28.

  9. Entscheidend: Der Legitimitätsglaube ist kein normatives Urteil des Analytikers, sondern eine objektive soziale Tatsache: Die Beherrschten handeln, als ob die Autorität legitim wäre.