Der Abstieg der Republikaner in die Unvernunft
Zusammenfassung
- Zum Einstieg: Die USA werden von Mehrheitswahlsystemen dominiert, die ständig ein Duopol zweier Parteien reproduzieren. Die Parteien haben dieses äussere Demokratiedefizit mit inneren Demokratiereformen übertüncht, vor allem mit Vorwahlen.
- In den letzten 30 Jahren hat eine «Sortierung» der Wählerschaft dazu geführt, dass viele Wahlkreise stark zu den Demokraten oder zu den Republikanern neigen – mit vielen unumkämpften, faktisch Einparteien-Wahlkreisen.
- Diese Verschiebung erhöht die Bedeutung der Vorwahlen weiter, die von den militantesten Parteimitgliedern und von reichen Spendern dominiert werden. Das trifft die Republikanische Partei stärker, weil ihre Aktivisten und Spender homogener sind.
- Gleichzeitig verzerrt das grosse Geld reicher Spender und Wirtschaftsinteressen die Positionen beider Parteien. Die republikanischen Eliten vertreten Positionen, die ihre Basis nicht unterstützt, etwa Steuersenkungen für Reiche.
- Diese Konstellation ist höchst anfällig für eine populistische Revolte gegen die Parteieliten in den Vorwahlen – und genau das war Donald Trump.
Seit weit über einem Jahrzehnt versinken die US-Politik und insbesondere die Republikaner immer tiefer im Sumpf der Unvernunft. Aber warum? Ein Rezept für das Desaster.
Man nehme ein grosses Land und füge ungerechte Wahlsysteme hinzu
Vergleich mit Europa
In der Schweiz zieht man schnell eine Analogie zwischen der US-Hauptstadt Washington und der Schweizer Hauptstadt Bern. Von der Grösse und der Psychologie her wäre die EU die bessere Analogie: Washington ist wie Brüssel, die USA sind wie die EU, und die US-Bundesstaaten sind wie die Mitgliedstaaten der EU. So betrachtet klingt manche schrille Rhetorik gar nicht mehr fremd. Schliesslich gehören Föderalismus und eine Abneigung gegen abgehobene Zentralmacht fest zur Schweizer Identität. Die Parole «weniger Macht für Brüssel, mehr Autonomie für die Staaten» wird in ganz Europa in verschiedenen Sprachen skandiert. Die Briten haben die EU sogar unter dem Banner «Take Back Control» verlassen (und mit beträchtlicher Paranoia und etlichen Lügen dazu).
In den USA spiegelt sich diese Haltung in Umfragen: Das Vertrauen in Institutionen geht Hand in Hand mit ihrer Distanz zu den Bürgern. Die Amerikaner vertrauen ihrer Gemeinde am meisten, ihrem Bundesstaat etwas weniger und Washington am wenigsten.1
Die Bürger vertrauen ihren lokalen Behörden am meisten und dem Kongress am wenigsten.
Die Bürger vertrauen ihren lokalen Behörden am meisten und dem Kongress am wenigsten. 2023. Gallup.
Man füge Mehrheitswahlsysteme hinzu
Dieses riesige Land verwendet Wahlsysteme, die den beiden dominierenden Parteien einen grossen Vorteil verschaffen: Es nutzt überwiegend Mehrheitswahlen, bei denen der Sieger alles bekommt und der Verlierer leer ausgeht. Verhältniswahlen gibt es nur wenige.
Mehrheitswahlen tendieren ihrer Logik nach dazu, die Entscheidung auf zwei Optionen zu reduzieren. Warum? Weil nur wenige ihre Stimme an aussichtslose Kandidaten verschwenden, wenn der Sieger alles bekommt. Die Leute wählen (völlig vernünftig) das kleinere von zwei Übeln.2
Diese Logik erklärt, warum es im US-Kongress in seiner ganzen turbulenten Geschichte fast immer zwei dominierende Parteien gegeben hat. Es sind also die Mehrheitswahlsysteme, die das Duopol von Demokraten und Republikanern seit 1857 zementieren – nicht ihre Anziehungskraft.
Anteil der Sitze im Repräsentantenhaus, die nicht von den beiden grössten Parteien gehalten werden.3
In der Schweiz wurde dieser Effekt der Mehrheitswahl schon in den ersten Jahrzehnten der modernen Republik erkannt, und nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Proporzwahlrecht eingeführt. Hier ein Schweizer Wahlplakat von 1918, das sicher noch heute manchem Amerikaner aus dem Herzen spricht. Das linke Bild zeigt den Majorz, das rechte den Proporz:
«Gerechtigkeit erhöht ein Volk! Eidgenossen, stimmt: Ja! am 13. Oktober» Ein Schweizer Wahlplakat für das Proporzwahlsystem von 1918.4
Der Effekt des Proporzes in der Schweiz war abrupt: Zu den regierenden Freisinnigen und Konservativen gesellten sich zunehmend die Sozialdemokraten und die BGB. So entstand das moderne Vierparteiensystem, das die Schweiz durch das turbulente 20. Jahrhundert führte.
Die Nationalratswahlen von 1919, die erste Proporzwahl. Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz
Unsere Schwesterrepublik auf der anderen Seite des Atlantiks hat es hingegen versäumt, ihr Wahlsystem zu modernisieren. Stattdessen übertünchten Demokraten und Republikaner dieses eklatante Demokratiedefizit mit innerparteilicher Demokratisierung: Sie führten Vorwahlen ein, damit die Wähler mitreden konnten, welchen Kandidaten ihre Partei ins Rennen um die Präsidentschaft schicken sollte.
Das ist aus zwei Gründen wichtig: Erstens gaben die Parteien ihre Rolle als Torwächter auf. Schon vor dem Bürgerkrieg schickten die Parteieliten jedes Bundesstaats Delegierte an ihre jeweiligen nationalen Parteitage und bestimmten dort ihren nationalen Kandidaten. Mehrere abtrünnige Kandidaten vom Schlag eines Donald Trump wurden vom Partei-Establishment aktiv blockiert. Von den frühen 1900er-Jahren bis in die 1960er-Jahre gingen jedoch beide Parteien dazu über, immer mehr ihrer Delegierten in Vorwahlen zu bestimmen, was ihnen wenig Spielraum für ein eigenständiges Urteil liess.
Der zweite Grund, weshalb der Übergang zu Vorwahlen wichtig ist: Die Anreize in Vorwahlen unterscheiden sich stark von jenen in allgemeinen Wahlen. In Vorwahlen müssen die Kandidaten zuallererst die Parteibasis überzeugen, nicht die Gesamtbevölkerung. Jonathan Rauch schrieb 2016 im Atlantic5: «Vorwahlen werden heute tendenziell von hochmotivierten Extremisten und Interessengruppen dominiert, mit dem perversen Ergebnis, dass Gemässigte und breitere, weniger gut organisierte Wählergruppen unterrepräsentiert bleiben.» (eigene Übersetzung) Das sieht man bei Präsidentschaftswahlen: In den Vorwahlen spielen die Kandidaten auf die Pole; in der eigentlichen Wahl dann auf die Mitte.
Man sortiere und füge jede Menge Geld hinzu
Diese Verschiebung hin zu Vorwahlen wird nun durch zwei Entwicklungen verschärft.
Der «Great Sort»
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Wahlkreise viel stärker einer der beiden Parteien zugeordnet, was zu vielen unumkämpften Einparteien-Wahlkreisen geführt hat. Meines Wissens ist das auf allen Regierungsebenen und bei allen Wahlen geschehen.
Als einfachen Vergleich habe ich die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen seit 1960 nach Wahlkreisen zusammengestellt. Als Erstes fällt auf, dass die politische Geografie der USA seit 2000 völlig erstarrt ist. Während die Zugehörigkeit der Wahlkreise früher dynamisch war, folgen die Wahlen heute immer demselben Muster. Wahlkreise wechseln oder «swingen» viel seltener von einer Partei zur anderen.
Sieht man von den aussergewöhnlichen Erdrutschsiegen von Richard Nixon 1972 und Ronald Reagan 1984 ab, fällt auch auf, dass es heute viel mehr dunkelrote oder dunkelblaue Wahlkreise gibt. Das liegt daran, dass die Prozentwerte extremer geworden sind: Die Wahlkreise wählen entweder klar rot oder klar blau. Das zeigt, dass sie parteiischer geworden sind. Mit anderen Worten: In immer mehr Wahlkreisen ist die Wahl eine ausgemachte Sache.
Ein klarer Stadt-Land-Graben hat sich aufgetan. Die Republikaner haben die Städte verloren, und die Popularität der Demokraten nimmt tendenziell mit der Distanz zur nächsten Stadt ab. Deshalb heisst es oft, Wahlen würden weitgehend in den Vororten entschieden.
All das gilt auch für die Wahlen zum Repräsentantenhaus: In der Mehrheit der Sitze hat eine Partei einen Vorsprung von über 10%, und es gibt keinen echten Wettbewerb.
Diese «Sortierung» erhöht die Bedeutung der Vorwahlen, weil der Ausgang der Wahlen in vielen Wahlkreisen im Voraus feststeht. Das politisch relevante Publikum für die Mehrheit der Politiker in Washington ist damit nicht in erster Linie die Mitte der Bevölkerung, sondern jene hochmotivierten Aktivisten und Hardliner, die die Vorwahlen dominieren. Diese Aktivistengruppen können glaubhaft drohen, den Politikern bei der nächsten Vorwahl die Hölle heiss zu machen, wenn sie sich nicht an die Abmachungen halten.
Diese Konstellation macht die US-Politik extrem anfällig für extreme und populistische Politiker. Das beste Beispiel ist natürlich, wie Trump 2016 die Vorwahlen der Republikanischen Partei gekapert hat: «Laut dem Pew Research Center nahmen in den ersten zwölf Vorwahlen 2016 nur 17 Prozent der Wahlberechtigten an den republikanischen und nur 12 Prozent an den demokratischen Vorwahlen teil. Mit anderen Worten: Donald Trump hat sich die Führung in den Vorwahlen gesichert, indem er eine knappe Mehrheit eines blossen Bruchteils der Wählerschaft gewann.» (eigene Übersetzung)6
Ursachen des «Great Sort»
Ein Mini-Überblick über die wichtigsten Entwicklungen, die zum «Great Sort» geführt haben.
- Als Ausgangspunkt sollte man sich merken: Der amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865) wurde geführt, weil die Sklavenhalter im Süden sich vom Norden abspalten wollten, um die Sklaverei zu erhalten. Der Krieg endete mit dem Sieg der Unionstruppen unter der Führung von Abraham Lincoln – einem Republikaner. Die Demokraten waren damals noch die Partei des Südens und unterstützten die Sklaverei.
- In den Jahrzehnten nach dem Krieg gaben die Republikaner ihr Ziel, den Süden zu reformieren, weitgehend auf. Stattdessen wurden sie zu einer wirtschaftsfreundlichen Wirtschaftspartei.
- Mit der New-Deal-Koalition von Franklin D. Roosevelt im Zusammenhang mit der Grossen Depression ab 1929 begannen die Demokraten, im Norden und bei ethnischen Minderheiten an Popularität zu gewinnen. Unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson unterstützten die Demokraten dann einige Forderungen der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Das kam bei ihren konservativen weissen Wählern im Süden schlecht an, und es formierte sich Widerstand in den sogenannten «Dixiecrats».
Die Republikaner «bezogen ihre Unterstützung im New-Deal-Parteiensystem tendenziell von den Wohlhabenderen, den sogenannten WASPs ausserhalb des Südens, sowie von ländlichen und später vorstädtischen Wählern, als diese Gemeinden entstanden.»7 Richard Nixon zog dann die «Southern Strategy» durch, um die unzufriedene weisse Arbeiterklasse im Süden anzusprechen, mehrheitlich Evangelikale. «Mit Reagan als Präsidentschaftskandidat und schliesslich als Anführer und öffentlichem Gesicht der Partei für mindestens zwölf Jahre versuchte die Partei, ihren Establishment-Flügel – dominiert von den Reichen, der Wirtschaft, den WASPs (Elemente, die man als Country-Club-Republikaner zusammenfassen könnte) und ländlichen und vorstädtischen Wählern im Norden – mit ihrer neu gewonnenen Unterstützung unter weissen Südstaatlern, evangelikalen Protestanten und anderen religiösen Konservativen sowie Amerikanern aus der Arbeiterklasse (innerhalb wie ausserhalb der Gewerkschaften) zusammenzuhalten.» (eigene Übersetzung)7- Ende des 20. Jahrhunderts war diese Neuausrichtung weitgehend abgeschlossen. Die Demokratische Partei wurde mit liberaler bis progressiver Politik identifiziert, die auf soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte und einen Ausbau staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft ausgerichtet ist. Die Republikanische Partei wurde mit konservativen Werten in Verbindung gebracht, die begrenzte staatliche Eingriffe, freie Marktwirtschaft und traditionelle gesellschaftliche Normen betonen.
Die klare Sortierung ist ein relativ junges Phänomen, das in den 1990er-Jahren begann und offenbar weitgehend eine Folge der verschobenen Parteipositionen in den Jahrzehnten davor ist. Nachdem die Demokraten mit FDR den New Deal lanciert und die Bürgerrechtsbewegung unterstützt hatten, antworteten die Republikaner seit Richard Nixon mit der «Southern Strategy», um die unzufriedenen weissen Wähler im Süden (oft Evangelikale) anzusprechen. Das Ergebnis war, dass die beiden Parteien eine viel klarere ideologische Bruchlinie hatten.
«Laut Green, Palmquist und Schickler (2004) wechselten nur wenige Demokraten aus dem Süden ihre Parteiidentifikation zur Republikanischen Partei. Stattdessen fand über die Zeit ein Generationenwechsel statt, bei dem sich neue Wähler mit der Republikanischen Partei identifizierten, während die älteren demokratisch Identifizierten wegstarben.» (eigene Übersetzung)8
Ein zweiter Faktor könnte sein, dass Menschen mit ähnlichen politischen Präferenzen in ähnliche Quartiere ziehen – etwa Konservative aufs Land und Progressive in die Stadt. Laut Lang & Pearson-Merkowitz deutet die Evidenz jedoch darauf hin, dass solche selektive Migration wenig Bedeutung hat.8
Manche Autoren vermuten, dass ein ähnlicher Sortierungsprozess in Bezug auf die ethnische Identität stattgefunden hat. Doch das geschah bereits in den 1960er-Jahren.9 Seither zeigen die Daten wenig Veränderung, wenn man die Parteiunterstützung nach Ethnie aufschlüsselt.
Quelle: Pew Research
Während der Präsidentschaften von Bush Jr. («compassionate conservatism», mitfühlender Konservatismus) und Obama erkannten die Republikaner dies als Problem, da die USA in Zukunft immer vielfältiger werden. Die Partei selbst schrieb 2013:
«Wir müssen unter hispanischen, schwarzen, asiatischen und schwulen Amerikanern Wahlkampf machen und zeigen, dass auch sie uns wichtig sind. Wir müssen mehr Kandidaten rekrutieren, die aus Minderheiten stammen.» Republican National Committee 2013 (eigene Übersetzung)
Bis zu einem gewissen Grad kann man Trumps Wahlkampf als Absage an diese Strategie sehen. Er platzte mit einer toxischen Mischung aus Populismus, Bullshit, Verschwörungstheorien und Fremdenfeindlichkeit auf die politische Bühne – und die verfing umso stärker, je männlicher, schlechter gebildet oder weisser das Publikum war.
Quelle: Pew Research
Ungezügeltes «unabhängiges» Geld
Bis in die 1960er-Jahre hatten die Parteieliten beträchtlichen Einfluss auf den Wahlprozess und setzten sich trotz Vorwahlen meist mit ihren bevorzugten Kandidaten durch. Danach verloren sie durch eine Reihe oft gut gemeinter Reformen zunehmend an Einfluss. Die Regulierung der Parteienfinanzierung etwa führte dazu, dass Spender ihr Geld über private und oft anonyme Kanäle in die Wahlkämpfe leiteten.
Das «Citizens United»-Urteil von 2010 hat dies auf die Spitze getrieben: Unternehmen und Lobbygruppen dürfen offiziell so viel Geld für Wahlwerbung ausgeben, wie sie wollen – solange sie sich dabei nicht mit den Kandidaten absprechen. Das führte ab 2012 zu einer regelrechten Explosion von undurchsichtigem «outside money»10 in den US-Wahlkämpfen, wie die Statistiken von opensecrets.org zeigen.
Statistik von opensecrets.org
Die Verlagerung hin zu Vorwahlen hat auch beeinflusst, wo Aktivisten und Lobbygruppen ihre Ressourcen einsetzen: zunehmend in den Vorwahlen, und zunehmend konzentriert auf eine der beiden Parteien. Sie beobachten das Verhalten der Politiker mit der latenten Drohung, bei den nächsten Vorwahlen einen passenderen Rivalen zu unterstützen. David Karol erklärt das so:
«Um sich die Gunst und Unterstützung dieser ‹intensiven Forderer› zu sichern, müssen die Kandidaten [in den Vorwahlen] politische Zusagen machen, was den Abstand zwischen den Parteien vergrössert. Diese Positionen veranlassen Aktivisten und Gruppen, sich der einen oder anderen Partei anzuschliessen. Die Konzentration von Gruppen mit gegensätzlichen Präferenzen in konkurrierenden Parteien erhöht wiederum den Druck zur Polarisierung.» David Karol (eigene Übersetzung)11
Einige Beispiele für solche Gruppen:
- Bei den Republikanern ist die religiöse Rechte sehr einflussreich geworden (Gruppen wie Moral Majority, Christian Coalition of America, Focus on the Family).
- Die Öl- und Gasindustrie verbündet sich zunehmend mit den Republikanern, Umweltgruppen mit den Demokraten.
- Die Waffenlobby um NRA und GOA
Wer ist das Zielpublikum?
Insgesamt ist die Wählerschaft vielfältiger geworden, die Parteistrukturen schwächer und die Vorwahlen wichtiger. Diese Kombination erklärt, warum der US-Senat weniger polarisiert ist. Senatswahlen werden im ganzen Bundesstaat und seltener ausgetragen.
Sie erklärt auch, warum die Demokraten die vernünftigere Partei bleiben. «Die Evidenz zeigt klar, dass die Verhaltensverschiebungen grösstenteils von den Republikanern ausgehen», schrieben Michael Barber und Nolan McCarty 201312. «[Eine Verschiebung] weit nach rechts wird von republikanischen Wählern begeisterter angenommen als eine Verschiebung weit nach links von demokratischen Wählern.» (eigene Übersetzung)13
Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Wählerbasis der Demokraten auch in den Vorwahlen vielfältiger ist. Die Kandidaten müssen schon dort verschiedene Wählergruppen ansprechen. Auf demokratischer Seite gibt es deshalb möglicherweise keine einzelne Kraft, die die Vorwahlen landesweit in eine Richtung treiben könnte.

Zusammenfassend würde ich sagen: Wenn ich wieder einmal irrationale republikanische Politiker sehe, die in einem Brief im Mafia-Stil Mitarbeitende des Internationalen Strafgerichtshofs und deren Familien bedrohen, frage ich mich, wer ihr Zielpublikum ist. Die traurige Wahrheit ist: Die MAGA-Basis dominiert die republikanische Politik.
Der Brief republikanischer Senatoren an den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Mai 2024Ein Paradebeispiel für die faktenfreie Debatte, die vor diesem Publikum aufgeführt wird, ist die Klage über die «verlorenen Fabriken». Deshalb zum Schluss ein Exkurs dazu.
Exkurs: Die Fabriken kommen nicht zurück
Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 ist viel davon die Rede, «diese Fabriken zurückzuholen», nachdem sie nach Mexiko «ausgelagert» oder nach China «verschoben» worden seien. Wer das von Zürich aus beobachtet, sieht ernüchtert, dass die Debatte so gut wie keine faktische Grundlage hat.
Also habe ich mir den ultimativen Spickzettel für diese Diskussion gemacht, mit:
- Arbeitsplätzen in der US-Industrie (US Bureau of Labor Statistics)
- Wirtschaftsrezessionen (Quelle)
- Präsidenten und den oft genannten Handelsabkommen (NAFTA und die Gewährung dauerhafter normaler Handelsbeziehungen an China)
Damit lässt sich zunächst festhalten, dass über diesen ganzen Zeitraum hinweg Rezessionen die Einbrüche in der Industriebeschäftigung auslösen. Und wer sich für die US-Industrie interessiert, hat wahrscheinlich eine Meinung dazu, warum in den 2000er-Jahren ein Drittel der Industriearbeitsplätze verloren ging – von denen unter Bush keiner und unter Obama nur wenige zurückkamen.
Ich habe keine feste Meinung, aber ich weiss, dass es grob zwei Positionen gibt:
- Jene, mit denen ich sympathisiere, sagen etwa: Es ist hauptsächlich der Eintritt der USA in die postindustrielle Phase, wie in allen anderen Ländern auch.
- Eine andere Gruppe verweist auf die Freihandelspolitik gegenüber Mexiko (NAFTA 1993) und China (dauerhafte normale Handelsbeziehungen 2000).
Ich lege kurz dar, warum ich mit Ersterem sympathisiere und Letzteres bezweifle.
Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung
Eines der ältesten und besten makroökonomischen Entwicklungsmodelle ist das Drei-Sektoren-Modell des französischen Ökonomen und Politikers Jean Fourastié. Es ist gut, weil es mit sehr wenig sehr viel erklärt.
Fourastié veröffentlichte sein Buch «Le Grand Espoir du XXe siècle» (Die grosse Hoffnung des 20. Jahrhunderts) 1949. Darin sagte er das Wirtschaftswachstum der «Trente Glorieuses» (der glorreichen dreissig Jahre des Nachkriegswachstums) voraus, den anschliessenden Rückgang der Industriebeschäftigung und den Aufstieg der Dienstleistungen.
Er argumentierte, dass Wirtschaftswachstum, betrachtet man die drei Sektoren der Wirtschaft (Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen), zwangsläufig zu Verschiebungen der Beschäftigung zwischen den Sektoren führen müsse. Hier eine Illustration und eine Beschreibung seines Modells.
Vorindustrielle Phase
In vorindustriellen Gesellschaften arbeitete die grosse Mehrheit (etwa 80–90%) in der Landwirtschaft. Man denke das in Produktivität: Um 100 Menschen zu ernähren, mussten mindestens 80 auf den Feldern schuften.
Industrielle Phase
Als die Industrialisierung im späten 18. und im 19. Jahrhundert Fahrt aufnahm, stiegen die Ernteerträge dank Mechanisierung, Spezialisierung und später Düngemitteln. Heute produzieren wir mehr Nahrung als je zuvor, aber nur noch 1–2 Prozent von uns arbeiten in der Landwirtschaft. Um 100 Menschen zu ernähren, braucht es nur noch 1 oder 2 Personen (vor allem, um Maschinen zu steuern).
Gleichzeitig zogen die Fabriken Beschäftigung an, vor allem in den Städten. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung arbeitete nun in diesen Fabriken und bildete die Arbeiterklasse, die ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufte, denen die Fabriken gehörten. Die Arbeiter organisierten sich und erkämpften bessere Arbeitsbedingungen, bessere Löhne, Lohnfortzahlung bei Krankheit, Ferien usw. Das ist der Ursprung der klassischen Linksbewegungen.
Postindustrielle Phase
Nach Fourastié sind die eigentlichen Ursachen für die sinkende Nachfrage nach Industriearbeit Produktivitätsgewinne durch Rationalisierung und Automatisierung. Wie in der Landwirtschaft braucht es immer weniger Arbeitskräfte, um immer mehr zu produzieren. Diese Kräfte, so Fourastié, würden die Beschäftigung kontinuierlich aus dem Industriesektor verlagern.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trat der Westen tatsächlich in die postindustrielle Phase ein. Das passiert nicht in einem einzelnen Land wegen irgendeiner Politik, es passiert in allen westlichen Ländern. Hier zwei historische Grafiken, die das für die USA und für die Schweiz empirisch zeigen:
In dieser Excel-Tabelle habe ich Daten der OECD visualisiert. Man beachte den Rückgang der Industriebeschäftigung in allen diesen Ländern, wie oben bei den USA und der Schweiz. (Leider sind viele Daten lückenhaft.)
Offen bleibt die Frage, welche Rolle die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach China dabei gespielt hat.
Fussnoten
-
Unter den Bundesinstitutionen schneiden jene besser ab, die weniger politische Entscheidungsmacht haben: Der US Supreme Court geniesst das meiste Vertrauen, gefolgt vom Präsidenten und schliesslich der eigentlichen Volksvertretung: dem Kongress. ↩
-
Heywood, Andrew. Politics. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2007. 209. ↩
-
https://history.house.gov/Institution/Party-Divisions/Party-Divisions/ ↩
-
Ebd. Rauch 2016 ↩
-
Brewer, M. D. & Powell, R. J. ‘The Evolution of the Republican Party Coalition, 1968-2020’ in Polarisation and Political Party Factions in the 2020 Election. Edited by Jennifer C. Lucas, Tauna S. Sisco, and Christopher J. Galdieri. Lexington Books, 2022. ↩ ↩2
-
Lang, Corey, und Shanna Pearson-Merkowitz. 'Partisan Sorting in the United States, 1972-2012: New Evidence from a Dynamic Analysis'. Political Geography 48 (September 2015): 119-29. https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2014.09.015. Sie zitieren Green, D., B. Palmquist & E. Schickler. (2004). Partisan Hearts and Minds. New Haven, CT: Yale University Press. ↩ ↩2
-
Der Begriff «outside money» bezeichnet politische Ausgaben von Gruppen oder Einzelpersonen, die unabhängig von den Kandidaten und Parteien sind und nicht mit ihnen koordiniert werden. ↩
-
Karol, David. 'Party Activists, Interest Groups, and Polarization in American Politics'. In Thurber, James A., and Antoine Yoshinaka, eds. American Gridlock: The Sources, Character, and Impact of Political Polarization. New York: Cambridge University Press, 2016. p. 69. ↩
-
Barber, Michael, und Nolan McCarty. ‘Causes and Consequences of Polarization’. In Negotiating Agreement in Politics, hrsg. von Jane Mansbridge und Cathie Jo Martin. Washington, DC: American Political Science Association, 2013. S. 21. ↩
-
https://www.brookings.edu/articles/lessons-from-the-2022-primaries-what-do-they-tell-us-about-americas-political-parties-and-the-midterm-elections/ ↩
