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Maduro hat Venezuelas Wahl gestohlen – die Beweise

Am 28. Juli 2024 fanden in Venezuela unfaire und unfreie Präsidentschaftswahlen statt. Trotz widriger Umstände hat die demokratische Opposition die Wahl gegen Diktator Nicolás Maduro gewonnen. Woher wissen wir das so sicher? Hier die Beweise, sortiert danach, wie stark und relevant ich sie einschätze.

Kurze Erklärung des elektronischen Wahlsystems

Handfeste Beweise setzen ein Grundverständnis des venezolanischen Wahlsystems voraus. Deshalb eine kurze Erklärung.

Der Kern des halbautomatischen Wahlsystems in Venezuela ist technisch recht robust. Es beruht darauf, dass die Stimmen parallel auf Papier und elektronisch erfasst werden und unabhängig voneinander überprüft werden können.

  1. Alle Wahlmaschinen arbeiten am Wahltag autonom. Erst wenn sie am Ende des Wahltags geschlossen werden, summieren, übermitteln und drucken sie ihr Auszählungsergebnis.

  2. Die Wahlhelfer, die zufällig unter den Wählenden ausgelost werden, und die registrierten Zeugen der politischen Parteien (Regierung wie Opposition) sollten dieses Auszählungsergebnis von ihrer Wahlmaschine erhalten – die «actas de escrutinio» (Auszählungsprotokolle). Hier ein Beispiel einer solchen «acta» – Hunderte Venezolanerinnen und Venezolaner haben Fotos ihrer «actas» in den sozialen Medien geteilt.

  3. Die Wahlbehörde sollte die Daten anschliessend aufgeschlüsselt nach Wahllokal und Wahlmaschine veröffentlichen. So kann jede Person mit einer «acta» die Daten unabhängig überprüfen.

  4. Entscheidend: Jede «acta» trägt einen digitalen Fingerabdruck, der aus den Wahldaten und einem geheimen Schlüssel gebildet wird, den jede Maschine individuell und zufällig wählt. Nach dem Wahltag hat die Wahlbehörde CNE Zugriff auf diese geheimen Schlüssel. Mit anderen Worten: Die Wahlbehörde kann mit geringem Aufwand prüfen, ob eine «acta» oder ein Foto davon echt oder gefälscht ist.1

Die gesammelten «actas» zeigen: González hat gewonnen

Der Opposition ist es trotz der Behinderung durch die Diktatur gelungen, über 80 Prozent der «actas» in den Wahllokalen einzusammeln und auf https://resultadosconvzla.com/ zu veröffentlichen. In einigen Fällen half ziviler Ungehorsam von Wahlhelfern und Militäreinheiten.

Gemäss diesen «actas» erhielt Oppositionskandidat Edmundo González Urrutia 67 Prozent der Stimmen und Maduro 30 Prozent. Mehrere Organisationen, darunter die Associated Press, haben überprüft, dass die veröffentlichten «actas» korrekt ausgelesen und zusammengezählt wurden. Ein unabhängiger Webentwickler hat die Stimmen aus den von der Opposition gesammelten, gescannten «actas» extrahiert und bietet die detaillierten Resultate auf macedoniadelnorte.com an.

Der digitale Fingerabdruck auf den «actas» lässt sich ohne die geheimen Schlüssel der Wahlmaschinen nicht unabhängig überprüfen. Warum sollten wir die «actas» der Opposition also für echt halten? Es gibt mehrere Gründe, die das praktisch zur Gewissheit machen.

  • Tausende Wahlhelfer und Zeugen – sowohl der Regierung als auch der Opposition – haben die physischen «actas», die sie in ihrem Wahllokal erhalten haben, zu Hause. Stellen wir uns also das Gegenteil vor: Die mehr als 25'000 «actas» wären innert kürzester Zeit in einem logistischen Meisterstück völlig unbemerkt gefälscht worden. Das würde eine Verschwörung von Tausenden Menschen (einschliesslich aller Regierungszeugen!) erfordern, damit nicht eine einzige widersprüchliche «acta» auftaucht!
  • Die Wahlbehörde könnte Fälschungen auch ohne physische «actas» über den digitalen Fingerabdruck nachweisen. Sie müsste nur den geheimen Schlüssel einer Wahlmaschine herausgeben. Füttert man den Verschlüsselungsalgorithmus dann mit den Daten der gescannten «acta» und diesem geheimen Schlüssel, müsste er denselben digitalen Fingerabdruck erzeugen, der auf der gescannten «acta» steht. Ohne Kenntnis dieses geheimen Schlüssels ist es unmöglich, diesen Fingerabdruck im Voraus zu fälschen.
  • macedoniadelnorte.com hat über 300 Videos zusammengetragen, die vor Wahlzentren aufgenommen wurden, unmittelbar nachdem die «actas» gedruckt worden waren und gezeigt oder laut vorgelesen wurden. Bisher wurde kein Widerspruch zu den hochgeladenen «actas» festgestellt. Nochmals: Stellen wir uns vor, die «actas» wären gefälscht. Die Logistik dafür hätte vorausgesetzt, im Voraus zu wissen, wo Leute unmittelbar nach dem Ausdruck der Resultate Videos machen würden ...

Die Wahlbehörde veröffentlicht keine Daten

Die Wahlbehörde CNE hat bisher nur aggregierte Resultate veröffentlicht, was nicht mehr als eine Behauptung ist. Sie hat keine Daten pro Wahlmaschine veröffentlicht, geschweige denn «actas». Gemäss Wahlgesetz beträgt die maximale Frist dafür nur wenige Tage und ist daher abgelaufen.

Die einfachste Erklärung für das Verhalten der Wahlbehörde lautet: Sie hat keine Gegenstrategie zum Sammeln der «actas» gefunden. Wegen der digitalen Fingerabdrücke weiss sie, dass die von der Opposition veröffentlichten «actas» echt sind, und sie kann wegen des Fingerabdrucks keine «actas» unbemerkt fälschen. (Ob dieser letzte Punkt tatsächlich technisch unmöglich ist, muss ich noch überprüfen.)

Keine Rundungsfehler in den ersten gefälschten Resultaten

Kurz gesagt: In den ersten Zahlen, welche die regierungseigene Wahlbehörde CNE veröffentlichte, fehlen die Rundungsfehler, die natürlicherweise auftreten müssten. Würde man die Stimmen tatsächlich auszählen und dann den Prozentsatz berechnen, wäre das unmöglich. Möglich ist es nur, wenn man zuerst den Prozentsatz festlegt und dann die Stimmenzahl erfindet. Ein Erklärvideo:

YouTube video thumbnail

Leiterin der einzigen unabhängigen Wahlbeobachtungsmission: Alle wissen, dass Edmundo gewonnen hat

Die einzigen internationalen Wahlbeobachter, welche die Autokratie eingeladen hatte, waren das Carter Center. Es dokumentierte schon im Vorfeld der Wahlen zahlreiche Mängel (über die ich in diesem Video berichtet habe) und kam zum Schluss, dass die Wahlen «internationale Standards der Wahlintegrität nicht erfüllten und nicht als demokratisch betrachtet werden können» (eigene Übersetzung).

Das Carter Center kann die vom Nationalen Wahlrat (CNE) verkündeten Wahlresultate weder verifizieren noch zertifizieren, und das Versäumnis der Wahlbehörde, die Resultate nach Wahllokal bekanntzugeben, ist ein schwerer Verstoss gegen Wahlgrundsätze. (eigene Übersetzung)

Jennie Lincoln, die Leiterin der Mission des Carter Center in Venezuela, hat mindestens zweimal bestätigt, dass Edmundo gewonnen hat. «Die Regierung, die Regierungspartei und die Opposition wissen, dass Edmundo González die Wahl gewonnen hat – mit fast zwei zu eins», sagte sie gegenüber NPR (eigene Übersetzung).

Auch die Agence France-Presse sprach mit ihr und berichtete: «Das Center hat dieselben Zahlen aus den verfügbaren Daten analysiert, welche die Opposition verwendet hat, und – zusammen mit anderen Organisationen und Universitäten – González mit über 60 Prozent der Stimmen als Sieger bestätigt.» (eigene Übersetzung)

Umfragen vor und nach der Wahl zeigen einen Sieg von González

Umfragen vor der Wahl deuteten darauf hin, dass González wahrscheinlich doppelt so viele Stimmen erhalten würde wie Maduro.

Edison Research veröffentlichte eine Nachwahlbefragung, wonach González 65 Prozent der Stimmen erhielt, gegenüber 31 Prozent für Maduro. Das Unternehmen führt vielbeachtete Wahlumfragen in den USA und anderen Ländern durch. «Die offiziellen Resultate sind lächerlich», sagte Edison-Vizepräsident Rob Farbman in einer E-Mail an Reuters und erklärte, man stehe zu den Ergebnissen der Befragung. Edisons Befragung wurde landesweit durchgeführt, mit vorläufigen Daten von 6'846 Wählenden, die an 100 Wahllokalen befragt wurden.

Das venezolanische Unternehmen Meganalisis veröffentlichte ebenfalls eine Nachwahlbefragung und prognostizierte 65 Prozent der Stimmen für González und knapp 14 Prozent für Maduro.

Hacking ist mit grösster Wahrscheinlichkeit kein Faktor

Die Wahlbehörde CNE behauptet, sie sei gehackt worden und habe deshalb keine Resultate veröffentlicht. Das ist aus folgenden Gründen nicht glaubwürdig:

  • Die CNE hat keinerlei Beweise für diese Behauptung vorgelegt.
  • Das Wahlnetzwerk ist gar nicht mit dem Internet verbunden. Der stellvertretende Missionschef des Carter Center in Venezuela, Patricio Ballados, sagte: «Ein Angriff über das Internet wäre praktisch unmöglich, weil es für die Übermittlung der CNE-Daten ausschliesslich spezielle Kanäle gab, welche die Behörde wenige Tage vor der Wahl als eine der Sicherheitsvorkehrungen und eine der grössten Stärken des Systems präsentiert hatte.» (eigene Übersetzung)
  • Es gäbe einen vollständig analogen Weg, ein Resultat zu belegen: die einzelnen Papierstimmzettel in den Urnen oder die physischen «actas» der Maschinen.
  • Es gibt technische Hinweise darauf, dass das Regime selbst die CNE-Website abgeschaltet hat.
  • Venezuelas «Generalstaatsanwalt» Tarek Saab behauptete ursprünglich, der Angriff sei von Nordmazedonien ausgegangen. Nordmazedonien erklärte, die venezolanischen Behörden hätten keine Beweise vorgelegt und keine Rechtshilfe beantragt, wie Radio Free Europe berichtete. Später änderte Saab die Geschichte und sprach von einem Hacker namens Astra. Eine Person, die behauptet, Astra zu sein, gab Publimetro ein Interview und erklärte, sie habe die CNE tatsächlich gehackt, aber nicht in die Abstimmung eingegriffen, sondern Beweise für den Betrug gesammelt. (Ich weiss nicht recht, was ich von dem Interview halten soll.)

Fussnoten

  1. Aus technischer Sicht besteht das Problem darin, dass hier ein «symmetrisches» Verschlüsselungsverfahren verwendet wird (HMAC-SHA256). Besser wäre ein asymmetrisches Verfahren wie RSA, damit die Gültigkeit der «actas» unabhängig überprüft werden könnte. Das wäre vergleichbar mit den SSL-Zertifikaten, mit denen Webserver ihre Identität nachweisen.